Die wichtigsten Personen:
Vater: Dietrich Lorenz
Mutter: Renate Lorenz
Tochter: Angelika Lorenz
Sohn: Christoph Lorenz
Es war Sonntag Vormittag. Ein Sonntag wie jeder andere - morgens gemeinsames
Fruehstueck, Nichtstun, Mittagessen und dann am Nachmittag der obligatorische
Besuch. Familie Lorenz war an diesem Sonntag eingeladen - bei alten Freunden des
Vaters. Zwanzig Jahre hatte er sie nicht gesehen, sagte er. Christoph war nicht
gerade begeistert. "Das kann ja heiter werden", dachte er still fuer
sich, "da werden ja doch nur die alten Geschichten aufgewaermt. Hoffentlich
bleiben wir nicht so lange."
Christoph war es zu langweilig, nur so zu Hause rumzusitzen. Er beschloss,
noch eine Weile in die Stadt zu gehen. "Vielleicht treffe ich ja noch ein
paar Freunde." Er nahm seine Jacke, sah noch einmal nach, ob er auch den
Schluessel eingesteckt hatte, und ging nach draussen. Als er gerade die Tuer
schliessen wollte, rief seine Mutter noch hinter ihm her: "Pass aber auf
deine Sachen auf." - "Keine Sorge", rief er zurueck, "ich
pass schon auf."
Er schlenderte durch die Strassen und hoffte immer noch, seine Freunde zu
treffen. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm zu langweilig, so ziellos durch die
Strassen zu laufen. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben und wollte sich
auf den Rueckweg machen, als er zwei seiner Klassenkameraden entdeckte, die auf
einem unbebauten Grundstueck Fussball spielten. "Hey, ich spiel mit!
Einverstanden?", rief er und lief zu ihnen hinueber. Jetzt war er in seinem
Element, von Langeweile keine Spur und bis zum Nachmittag war es ja noch lange
hin. Sie hatten schon eine ganze Weile gespielt, als es anfing zu regnen. Erst
fielen nur ein paar Tropfen, aber mit der Zeit wurde ein recht kraeftiger
Landregen daraus. "Lasst uns aufhoeren", meinte Christoph, "in
dem Matsch kann man ja nicht mehr richtig spielen." - "Nun stell` dich
bloss nicht so an, alles Routine ... man muss es nur koennen." Das wollte
er nun doch nicht auf sich sitzenlassen, schliesslich sollten ihn seine Freunde
nicht fuer empfindlich halten, aber so ganz wohl war ihm auch wieder nicht. Eine
etwas zwiespaeltige Situation, aus der er nicht so recht einen Ausweg wusste.
Und so kam, was wohl kommen musste.
Gerade wollte er zum Torschuss ansetzen, da - rumms - war es passiert. Er
rutschte weg, versuchte noch mit den Armen die Balance wiederzugewinnen, aber es
war zwecklos. Mit einem lauten Fluch landete er der Laenge nach in einer
schoenen, grossen Pfuetze. Er hatte zwar ein Tor geschossen, aber das konnte ihn
jetzt auch nicht so recht freuen. Langsam rappelte er sich hoch, klatschnass und
triefend. Seine Freunde grinsten ihn an, wohl mehr aus Verlegenheit, denn aus
echter Schadenfreude, doch das machte ihn nur noch wuetender. "Hoert bloss
auf! Was ich da wieder fuer Aerger kriege, koennt ihr euch gar nicht vorstellen.
Haett` ich bloss nicht auf euch gehoert!" Wie ein begossener Pudel zog er
langsam davon, aber seine Schimpfkanonaden waren noch zu hoeren, als er schon
ausser Sichtweite war.
Vorsichtig schlich er sich in die Wohnung. Schnell an der Kueche vorbei, die
Tuer war zum Glueck angelehnt, und in sein Zimmer. Erstmal runter mit den nassen
Sachen, dann schoen abtrocknen - Christoph fror. nachdem er sich unter der Decke
ein wenig aufgewaermt hatte, ging er an den Schrank, um sich etwas Trockenes zum
Anziehen zu holen. "Das gibt`s doch nicht", rief er erstaunt. Nichts.
Keine Hose mehr, kein Pullover, -ein bisschen Unterwaesche, ein paar Struempfeaber sonst nichts. "Da werd` ich wohl doch beichten muessen", dachte
er, veraergert ueber seinen Leichtsinn, und ging in die Kueche. "Wie siehst
du denn aus?",rief seine Mutter entsetzt, als sie ihn da in Unterhosen
stehen sah; sie ahnte Schlimmes. "Was ist mit deinen Sachen passiert?"
"Wo hast du meine Hosen?" "Was hast du schon wieder
angestellt?" "Ach, nichts besonderes, ich bin ausgerutscht und
hingefallen, mitten in `ne Pfuetze. Und jetzt sind meine Sachen nass."
"Ich hab dir doch gesagt, du sollst aufpassen. Und jetzt? Wie stellst du
dir das vor? Deine Sachen sind alle in der Waesche. Und heute Nachmittag wollen
wir weggehen." "Dann bleib ich eben hier." Der Gedanke gefiel ihm
ganz gut. "Lust hab` ich sowieso keine.", sagte er und dachte,
"eigentlich ist das kein schlechter Zufall, da bleibt mir manches
erspart." "Kommt ueberhaupt nicht in Frage!", rief Mutter Lorenz,
"wir gehen zusammen." "Soll ich vielleicht in Unterwaesche
mitkommen?" Christoph verdrueckte sich erstmal sicherheitshalber in sein
Zimmer.
Kurze Zeit spaeter kam Mutter Lorenz in sein Zimmer. "Ich habe eben mit
Vater gesprochen; du kommst mit!" "Und wie? Ich hab` doch nichts zum
Anziehen." "Du wirst eben etwas von Angelika anziehen. Grabes wissen
schliesslich nicht, dass wir eine Tochter und einen Sohn haben." "Nee,
nee, da mache` ich nicht mit! Ihr spinnt doch wohl. Ich kann doch so nicht auf
die Strasse gehen. Und ueberhaupt ..." "Schluss jetzt, du tust was ich
sage - schliesslich hast du selber schuld, oder?"
Mutter Lorenz ging in Angelikas Zimmer. "Nun komm` schon!"
Christoph folgte ihr unwillig. Angelika lag auf dem Bett und las. "Was
suchst du denn?", fragte sie, als Mutter Lorenz zum Schrank ging.
"Etwas zum Anziehen fuer deinen Bruder; der hat mal wieder seine Sachen
dreckig gemacht." "Etwas von mir?", fragte sie grinsend,
"soll ich etwa `ne Schwester kriegen?" "Vater will, dass wir
zusammen gehen - so, such dir mal was aus!" "Ich mache` da nicht mit.
Zum letzten Mal. Ohne mich." Christoph drehte sich um und wollte aus dem
Zimmer gehen. "Du bleibst hier! Dann such` ich dir eben etwas aus. Natuerlich muß es überzeugend sein, sie sollen ja nichts merken."
Sie schob ein paar Sachen hin und her und ueberlegte. "Hier, zieh das
mal an!" Sie gab ihm eine Rueschenbluse und einen karierten Rock.
Widerwillig zog er beides an. Angelika lachte, als er dabei rot wurde. und
Mutter Lorenz runzelte die Stirn: "Nein, so geht das nicht. Zieh dich noch
mal aus. Du kannst deine Unterwaesche nicht anbehalten." Sie suchte noch
einmal im Schrank und holte einen Slip von Angelika heraus und eine Strumpfhose.
"Hier, nimm das erst einmal, dann sehen wir weiter." Christoph hatte
Schwierigkeiten mit der Strumpfhose, er verhaspelte sich und Angelika musste ihm
dabei helfen. Als er wieder aufsah, hielt Mutter Lorenz einen BH in der Hand.
"Hier, den auch noch." Das ging ihm denn aber doch zu weit.
"Jetzt ist Schluss, ich lass mich doch nicht veralbern." So langsam
glaubte er, dass sie nur sehen wollten, wie weit sie bei ihm gehen koennten. Da
stand Vater Lorenz in der Tuer: "Du tust, was Mutter sagt. Und keine
Diskussionen mehr. Ich mein` das im Ernst.
Na gut, also doch den BH. Seine Mutter stopfte ihm noch etwas Watte hinein,
dann sollte er auch ein Unterkleid anziehen und dann wieder Rock und Bluse.
"Seid ihr endlich zufrieden. Dann kann ich das ja wieder ausziehen."
"Nichts da!", sagte Mutter Lorenz, "du musst dich schliesslich
daran gewoehnen. Und denk dran, dass du dich wie ein Maedchen benimmst. Geh mal
ein Stueck!" "Naja, es geht, aber wir brauchen noch Schuhe fuer dich;
hier, versuch es mal mit diesen." "Aber die sind doch so hoch. Muss
das sein?" "Ich hab` dir gesagt, es muss ueberzeugend sein und
ausserdem - Strafe muss sein."
Anfangs ging Christoph mit den Schuhen wie auf Eiern, aber so ganz
allmaehlich bekam er doch etwas Sicherheit. Er kam sich ziemlich albern vor, so
als Maedchen verkleidet, aber er wusste sich am Ende auch nicht mehr zu wehren.
"Angelika, kannst du deine Schwester noch ein bisschen schminken?",
rief Mutter Lorenz lachend. Ihm war inzwischen alles egal. Er hatte auch keine
Kraft mehr, ich jetzt noch dagegen aufzulehnen. Als Angelika mit dem Schminken
fertig war, kam sie auch noch mit dem Lockenstab. Als die Prozedur zu Ende war,
ging Christoph ins Esszimmer. Das Essen war fertig und es wurde Zeit, dass sie
anfingen, um noch rechtzeitig loszukommen. Als seine Mutter ihn sah, lachte sie
erstaunt: "Das ist ja gut geworden. So erkennt dich wirklich keiner, nicht
mal deine Freunde, keine Bange. Sieht er nicht aus wie ein Maedchen?" Der
Rest der Familie - ausser Christoph natuerlich - stimmte ihr zu. "Einen
Namen hab` ich auch schon fuer dich, was haeltst du von Claudia. Als Christoph
sich hinsetzen wollte, merkte er, dass das mit einem Rock gar nicht so einfach
ist. "Wir werden dir wohl noch etwas Nachhilfeunterricht geben muessen,
Claudia, aber das wird schon."
Am Nachmittag kam dann die Bewaehrungsprobe. Und schon fingen die
Schwierigkeiten an. Das Auto wollte nicht anspringen und so mussten sie mit dem
Bus zu Grabes fahren. Christoph hoffte nur, dass die Verkleidung wirklich so gut
war wie seine Mutter sagte.
"Wir sind da, der naechste Eingang ist es.", rief Dietrich Lorenz.
Er suchte den Namen am Klingelbrett. "Hoffentlich sind sie nicht boese,
dass wir zu spaet kommen. Muss diese Mistkarre ausgerechnet heute kaputt
gehen." Christoph atmete erleichtert auf, als sich die Haustuer hinter ihm
schloss. Es war ganz schoen aufregend hierher zu kommen. Erst der Weg zur
Bushaltestelle, vorbei an den Haeusern, wo seine Freunde wohnen. Und dann im Bus
immer die Angst, einer von ihnen koennte einsteigen. Aber jetzt waren sie in
einem anderen Stadtteil. Hier kannte ihn niemand und er fuehlte sich relativ
sicher. Er dachte im Moment nicht daran, dass das Schwerste wohl noch kommen
wuerde. Waehrend sie die Treppe hochstiegen, rutschte er mehrmals mit dem Absatz
weg. Er fluchte leise. "Reiss dich zusammen!", zischte seine Mutter,
"und dass du mir keinen Fehler machst. Halt dich an deine Schwester."
Die Tuer ging auf. "Hallo, da seid Ihr ja endlich, wir haben uns schon
Sorgen gemacht. Aber kommt doch erstmal herein." Es gab ein kraeftiges
Gedraenge, als dann alle im Flur standen. Christoph blickte Richard Grabe etwas
verstoert an, als er ihm die Jacke abnahm, aber dann dachte er, dass muss wohl
so sein. Inzwischen hatte sich auch der Rest der Familie Grabe versammelt:
Margot Grabe und die beiden Toechter Christine und Maren. Die allgemeine
Begruessung zog sich noch etwas laenger hin, kein Wunder bei soviel Personen.
Dietrich Lorenz stellte seine Familie vor, schliesslich waren er und Richard
noch Junggesellen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten: "Meine Frau
Renate und meine Tochter Angelika und mein ... aeh, meine Tochter Claudia."
Der Rueckweg war einfacher gewesen. Richard hatte vorgeschlagen, sie mit
seinem Auto nach Hause zu fahren und sie hatten das Angebot angenommen. Es war
kalt geworden und sie waren froh, dass sie ins warme Haus konnten. Sie waren
alle recht muede und wollten deshalb den Rest des Tages in Ruhe verbringen.
Christoph ging in sein Zimmer, schaltete das Radio ein und legte sich aufs Bett.
Er wollte einfach ein bisschen doesen und dabei Musik hoeren. Kaum hatte er sich
hingelegt, fiel ihm ein dass er noch Hausaufgaben machen musste. So raffte er
sich auf und ging an den Schreibtisch. Lust hatte er ja keine mehr, aber er
konnte es sich einfach nicht erlauben, wieder ohne in die Schule zu kommen.
Endlich war er fertig. Er sah auf die Uhr. "Was, schon zehn Uhr?"
Er beschloss, noch einen Augenblick fernzusehen und dann ins Bett zu gehen. So
ging er ins Wohnzimmer, wo schon die anderen sassen. "Was hast du denn so
lange gemacht?" "Schularbeiten!", antwortete er knapp und
blaetterte in der Fernsehzeitschrift. Etwas Vernuenftiges gab es auch nicht
mehr. Er setzte sich. Seine Mutter sah ihn von der Seite an und lachte: "Du
scheinst dich aber ganz wohl zu fuehlen." "Wie?" "Naja, weil
du immer noch Rock und Bluse traegst,...,gefaellt dir, wie?" Da fiel ihm
auf, dass er ganz vergessen hatte sich umzuziehen, als sie nach Hause gekommen
waren. Das war ihm nun aeusserst peinlich, sie koennten nun wirklich denken, es
wuerde ihm gefallen. "Ich geh mich rasch umziehen, ...hab ich doch glatt
vergessen, ...wegen der Schularbeiten." "Nun lass doch. Wir gehen doch
sowieso gleich alle ins Bett. Und ausserdem muss dir Angelika noch beim
Abschminken helfen." "Vielleicht moechte er ja morgen so in die Schule
gehen", rief Angelika dazwischen, "soll ich dir zum Schlafen noch ein
Nachthemd leihen?" Das war nun wirklich zu viel.
Nachdem sie alle ins Bett gegangen waren, kehrte Ruhe im Haus ein. Die Eltern
schliefen bereits, Angelika wohl auch, nur Christoph lag noch mit offenen Augen
im Bett. Er dachte ueber den vergangenen Tag nach. Es fing so ruhig an, richtig
langweilig. Seine Idee mit dem Fussballspielen war wohl nicht so gut; er haette
sich viel ersparen koennen. Erst das laecherliche Anprobieren vor dem
Mittagessen, der aufregende Weg zu Grabes und dann der peinliche Abschluss am
Abend. Dagegen war der Nachmittag richtig harmlos, ja, er fuehlte sich fast
sicher bei dieser Komoedie. Obwohl ... er war sich nicht sicher, aber er
glaubte, dass Christine etwas gemerkt hatte. Es war ihm schwergefallen, sein
Interesse an ihr zu verbergen, aber das konnte er sich nun wirklich nicht
leisten. Naja, und wenn schon, er wuerde sie vermutlich sowieso nicht
wiedersehen. Und so etwas wie heute wuerde er auch nicht wieder mit sich machen
lassen. Er hoffte, dass Angelika wirklich alle Schminkspuren beseitigt hatte,
sonst wuerde morgen in der Schule... Er wagte nicht daran zu denken. Obwohl ...
-darueber schlief er ein.
Das Aufstehen war ihm schwergefallen. Er sass mit halb geschlossenen Augen am
Fruehstueckstisch und mochte eigentlich gar nichts essen. Er war lange wach
geblieben, immer wieder hinderten ihn die Gedanken an den vergangenen Tag am
Einschlafen. Und jetzt war die Nacht um. Vier Stunden Schlaf waren einfach zu
wenig. Er trank langsam seinen Kaffee aus, stand auf und wollte aus der Kueche
gehen. Renate Lorenz hielt ihn am Arm fest. "Willst du wirklich so in die
Schule gehen?" Er blieb erschrocken stehen. Hatten sie doch etwas
vergessen? War ihm noch etwas anzusehen? "Mit der dreckigen Hose in die
Schule? Aber was soll`s, wir haben ja nichts anderes." Christoph atmete
erleichtert auf. Also doch nur Mutter`s Ordnungsfimmel, dachte er und ging.
"Ich muss euch heute Nachmittag noch etwas erzaehlen, errinnert mich
daran!", rief seine Mutter noch, aber da war er schon halb aus der Tuer.
Der Vormittag wollte nicht enden. Die Stunden flossen nur langsam dahin. Er
konnte sich kaum konzentrieren und war mit seinen Gedanken staendig beim
gestrigen Nachmittag. Er dachte an Christine, ob er sie wiedersehen wuerde. Wenn
sie etwas gemerkt hatte, dann haette er wohl keine Chancen bei ihr, mit so einem
wuerde sie sich wohl nicht einlassen. Auf der anderen Seite, wenn sie nichts
gemerkt hatte, koennte erst recht nichts draus werden. Eine verzwickte
Situation. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? Und wenn er zu ihr gehen
und ihr alles erklaeren wuerde? Er konnte ja schliesslich nichts dafuer. Wuerde
sie es verstehen? Er kannte sie zuwenig, um diese Frage zu beantworten.
Als er nach Hause kam, hatte er einen Baerenhunger. Kein Wunder bei dem
mageren Fruehstueck. Ausserdem war er todmuede. Nach dem Essen wuerde er sich
erst einmal fuer zwei Stunden hinlegen und etwas Schlaf nachholen. Das Essen
stand bereits auf dem Tisch, als er die Tuer oeffnete. Sie hatten nur noch auf
ihn gewartet. "Als Entschaedigung fuer gestern habe ich dir dein
Lieblingsessen gemacht", sagte Renate Lorenz, als er in die Kueche kam,
"obwohl du es gar nicht verdient hast; schliesslich bist du selber
schuld." Ihr wolltet ja unbedingt, dass ich mitkomme." Christoph war
beleidigt. Um seinen Aerger zu verdraengen, machte er sich ueber das Essen her.
"Was ich euch noch erzaehlen wollte", sagte Renate Lorenz, als sie mit
dem Essen fertig waren, "Grabes haben uns fuer das uebernaechste Wochenende
eingeladen. Wir sollen uebrigens ueber Nacht bleiben." - "Schon
wieder?", fragte Angelika ueberrascht, "so schnell hintereinander und
dann noch uebers Wochenende?" "Ja, sie haben Silberhochzeit, eine
grosse Feier mit Empfang und so und abends grosse Fete im Lokal. Und weil`s dann
eben spaet wird, sollen wir ueber Nacht bleiben." - "Da gibt`s aber
ein kleines Problem", meinte Angelika, "was ist denn mit meinem
Bruder, oder soll ich sagen meiner Schwester?" - "Daran habe ich noch
gar nicht gedacht", Renate Lorenz war entsetzt. "Du mit deinem bloeden
Fussballspielen. Du bringst uns in die unmoeglichsten Situationen." "Wieso ich, ihr wolltet, dass ich mitkomme. Ihr habt euch - und mir - das
eingebrockt. Seht zu, dass ihr damit klarkommt." Nach kurzer Zeit war der
Streit in vollem Gange. Christoph weigerte sich, noch einmal so etwas
mitzumachen, Renate Lorenz bestand darauf, dass er mitkommt. Schliesslich
einigten sie sich darauf, am Abend noch einmal alles in aller Ruhe zu
besprechen, wenn die Familie vollstaendig waere.
"Ihr seid schuld daran; haettet ihr nicht darauf bestanden, dass ich
mitkomme, waere alles ganz einfach." "Und haettest du dich nicht so
dreckig gemacht, haetten wir auch keine Probleme." "Jetzt hoert mal
zu", versuchte Angelika zu schlichten, "ihr solltet diese Komoedie
aufgeben, denn jedesmal, wenn Grabes uns einladen, stehen wir vor dem gleichen
Problem und streiten uns - das muss doch mal aufhoeren." "Ja
schon", sagte Dietrich Lorenz, "aber bei der Feier das zu erklaeren,
ist nun nicht gerade der richtige Zeitpunkt, andere brauchen das ja nicht
mitzukriegen." Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Dann raffte sich Renate
Lorenz auf: "Ich habe folgenden Vorschlag: Christoph spielt die Komoedie
noch einmal mit... - nun lass mich mal ausreden - ...und anschliessend, ein paar
Tage spaeter, erklaeren Vater und ich Grabes alles; seid ihr damit
einverstanden?" Dietrich Lorenz nickte zustimmend, ebenso Angelika, nur
Christoph konnte sich nicht dazu durchringen. "Was ist jetzt? Nun mach`
doch diesmal noch mit! Oder willst du beim Empfang alles erklaeren?" "Na schoen", es fiel ihm sichtlich schwer, "aber das ist das
letzte Mal." "Dann sind wir uns ja endlich einig."
"Allerdings", sagte Angelika nachdenklich, "sehe ich da noch
einige Schwierigkeiten." "Wieso?", Renate Lorenz sah sie
ueberrascht an. "Naja, wenn das im Lokal ist, muss er seine Rolle wohl noch
etwas ueben, so ueberzeugend war das letztesmal nicht, und ..." "Und
was?", fragte Christoph etwas sauer. "So eine Feier bedeutet ja auch
festliche Kleidung, oder?" "Stimmt, daran hab` ich ueberhaupt nicht
gedacht", Renate Lorenz ueberlegte, "dann muessen wir ihm eben ein
bisschen fein machen." Angelika schuettelte mit dem Kopf: "Aber ich
habe nur einen langen Rock, und den brauche ich selber." "Dann kauft
ihm doch etwas!", rief Dietrich Lorenz dazwischen. "Das wird schwierig
sein ... wegen dem Anprobieren ... es sei denn ... Christoph, du muesstest als
Maedchen mitkommen." "Was soll denn das schon wieder, muss das
sein?" "Also, wenn wir dir schon ein Abendkleid kaufen, musst du es
auch Anprobieren, damit es richtig sitzt. Schliesslich soll doch keiner was
merken, das ist doch auch in deinem Interesse."
Nun war es also passiert. Der Rest der Familie war sich einig und er hatte
sich nicht mehr dagegen wehren koennen. Nicht nur, dass er als Maedchen in einem
Laden Abendkleider anprobieren sollte, sie hatten ihn auch noch dazu verdonnert,
jeden Nachmittag Angelikas Sachen anzuziehen, damit er sich daran gewoehnt. Eine
Woche ging das nun schon. Wenn er aus der Schule kam, noch vor dem Essen, erst
einmal umziehen. Raus aus seinen Sachen, rein in Angelikas. Dazu dann immer noch
die hohen Schuhe. Was ihn am meisten stoerte, war allerdings das Schminken,
wobei sie ihm inzwischen beigebracht hatten, es selbst zu machen. Schliesslich
musste er das auch koennen. Und dann abends immer das Gehen ueben mit dem langen
Rock. Er hatte es satt.
Jetzt war der grosse Tag gekommen, den er moeglichst weit weg gewuenscht
hatte: der grosse Einkauf. Heute ging der Vormittag in der Schule viel zu
schnell vorbei. Auf dem Weg nach Hause liess er sich Zeit, bummelte herum, blieb
hier und da stehen. Schliesslich war er zu Hause. Sie warteten schon auf ihn.
"Wo bleibst du denn so lange? Wir haben nicht soviel Zeit."
Ausnahmsweise wurde heute gleich gegessen und das Umziehen auf spaeter
verschoben. Christoph stocherte lustlos im Essen herum. Es schmeckte ihm nicht verstaendlicherweise.
Inzwischen waren sie im Kaufhaus angekommen. Sein Vater hatte sich einen
halben Tag freigenommen, und so konnten sie mit dem Auto fahren und die Busfahrt
blieb ihm erspart. Ausserdem waren sie in einen anderen Stadtteil gefahren und
konnten relativ sicher sein, dass sie niemand kennt. Vor der Abfahrt gab es noch
Auseinandersetzungen wegen der Sachen, die Christoph anziehen sollte, aber
letztlich hatten sie einen Kompromiss gefunden. Als sie das Kaufhaus betraten,
erkundete seine Mutter gleich, wo sie die Sachen fuer ihn finden wuerden. Mit
der Rolltreppe fuhren sie in den zweiten Stock. Auf mehreren Staendern
hintereinander hingen dort unzaehlige Abendkleider, Ihr Anblick stimmte ihn
nicht gerade freundlicher. Sie hatten vorher ueberlegt, was wohl guenstiger sei:
ein Abendkleid oder ein langer Rock mit festlicher Bluse. Aber letztlich meinten
sie, dass ein Kleid wohl guenstiger fuer ihn waere. Waehrend Renate Lorenz
anfing, die Staender Stueck fuer Stueck durchzugehen, hielt sich Christoph
zurueck. Es war ihm mehr als peinlich und ausserdem hatte er Angst, dass jemand
das Ganze durchschaut. Gedankenversunken stand er da, als seine Mutter mit einem
Kleid in der Hand auf ihn zukam. "Hier, geh` doch schon mal zur
Anprobe." "Allein?" "Warum denn nicht? Ich such` dir noch
ein anderes und komme dann nach." Unschluessig stand er vor den Kabinen,
als eine Verkaeuferin auf ihn zukam. "Kann ich Ihnen helfen, Fraeulein?"
"Nein, nein, ich ...aeh ...warte nur auf jemanden." Inzwischen war
auch seine Mutter gekommen. "Na, passt es? Wie sieht es dann aus?"
"Ich hab es noch nicht ausprobiert." "Dann komm! Wir haben nicht
soviel Zeit." Sie gingen zusammen in die Kabine und Christoph zog erstmal
Rock und Bluse aus. "Sei vorsichtig! Du bringst ja deine ganze Frisur
durch-einander. So, und jetzt vorsichtig `reinsteigen ... warte, ich mach` dir
den Reissverschluss zu." Nun hatte er ein Abendkleid an. Es war ein sehr
zwiespaeltiges Gefuehl, das in ihm aufstieg, als er sich noch in der Kabine im
Spiegel sah. Zum einen kam er sich in dieser Verkleidung ziemlich albern vor und
er wusste auch nicht so recht, wie er sich bewegen sollte. Zum anderen aber ...
das Kleid war wirklich schoen, wenn er Christine darin gesehen haette, sie
haette ihm gefallen. - Es war hellrot mit weissen Punkten, ein zarter, fast
durchsichtiger Stoff, einen breiten Volant um den Ausschnitt. Der Rock war sehr
weit, mit vielen Rueschen am Saum. - Ja, und ausserdem, je laenger er sich im
Spiegel betrachtete, desto mehr fiel ihm auf, dass er jetzt wirklich wie ein
Maedchen aussah und nicht einmal haesslich. Das leichte Make-up, die Locken mit
Spangen verziert und natuerlich das Kleid verfehlten ihre Wirkung nicht.
"He traeum nicht!", seine Mutter stiess ihn leicht an, "zeig dich
mal deinem Vater." Er ging aus der Kabine, etwas unbeholfen erst, und schon
war das Gefuehl der Peinlichkeit wieder da, jedenfalls schien es ihm so. Sein
Vater war nicht da. Er sah sich um und entdeckte ihn und Angelika, wie sie nach
anderen Kleidern suchten. Als er hinging, war die Ueberraschung gross: "Das
gibt`s doch gar nicht!", staunte Dietrich Lorenz. Angelika war begeistert.
"Toll siehst du aus", und ganz leise, "wirklich wie ein Maedchen."
Sie suchten noch eine Weile weiter und er musste noch gut ein halbes Dutzend
Kleider ausprobieren. Als er gerade wieder eins der Familie vorfuehrte, kam eine
Verkaeuferin auf sie zu: "Ihre Tochter moechte aber frueh heiraten."
Schon war sie wieder verschwunden und kam nach zwei Minuten mit einem langen
Schleier wieder. "Der muesste eigentlich gut dazu passen", sagte sie.
Um sich nicht zu blamieren - sie waren nur aus Versehen und ohne es zu merken an
die Hochzeitskleider geraten - gingen sie darauf ein. Christoph liess alles
ueber sich ergehen. Das Kleid fand er gar nicht so schlecht. Es war ganz aus
Spitze mit enganliegendem Rueschenkragen, langen, schmalen Aermeln und einem
gerueschtem Rock mit langer Schleppe. Als sie ihm dann noch den Schleier
aufsteckten und Spitzenhandschuhe anzogen, wagte er nicht zu widersprechen.
"Warten sie bitte einen Augenblick, wir haben noch einen ganz besonderen
Service." Sie ging kurz weg und kam mit einem Blumenstrauss und einem
Fotoapparat zurueck. "Ich werde schnell eine Aufnahme machen, dann koennen
sie sich zu Hause ganz in Ruhe entscheiden. Bitte laecheln - danke."
Christoph sass in seinem Zimmer und war nicht ansprechbar. Immer, wenn jemand
zu ihm kam, schrie er: Lasst mich in Ruhe! - und knallte die Tuer zu. Da halfen
alle Versuche nichts, ihn zu beruhigen. Er hatte noch drei weitere
Hochzeitskleider anprobieren muessen. Und jedesmal die gleiche Zeremonie: Kleid
anziehen, Schleier, Blumen, Laecheln, Blitz. Er sah sich immer wieder die Bilder
an. Irgendwie war er dann richtig in einen Rausch gekommen. Fuer das Fest hatte
er sich dann doch fuer das rot-weisse Kleid entschieden. Und wo er nun schon
dabei war, hatte er sich gleich noch einen Rock und zwei Blusen ausgesucht, dazu
noch Unterwaesche und ein Nachthemd. Jetzt, wo er darueber nachdachte, fragte er
sich wozu und wunderte sich, dass es seinen Eltern nicht aufgefallen war. Er
trug gerade den neuen Rock und eine der Blusen. Sein Aerger liess allmaehlich
nach und so ging er zu den anderen. "Ein ganz schoen aufregender Tag, nicht
wahr?", sagte Renate Lorenz, "aber jetzt kannst du dich ja wieder
umziehen; ich glaube, du hast fuer heute genug erlebt." "Ihr wolltet
mich doch als Maedchen, nun lasst mich bitteschoen auch so sein!", schrie
er sie an. Erschrocken ueber seine eigenen Worte war er einen Augenblick wie
erstarrt. Dann drehte er sich um und lief in sein Zimmer.
Christoph lag noch lange wach. Immer wieder gingen ihm die Erlebnisse des
Tages im Kopf herum. Erst nach langer Zeit fand er endlich Ruhe. "Ich werde
mit Christine reden muessen", dachte er noch, dann schlief er ein. Am
naechsten Morgen, ein Samstag, weckte ihn seine Mutter erst sehr spaet. Als sie
zum wiederholten Male in sein Zimmer kam, um ihn wachzuruetteln und ihm die
Bettdecke wegzog, wollte sie ihren Augen nicht trauen ...
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Fortsetzung in Arbeit ...
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